Lesenswert: Grundformen der Angst
Wie die vier Angsttypen unser Leben beeinflussen – und wie du deine innere Balance findest
von Fritz Riemann
Angst regiert die Welt. Laut den Statistiken trifft das in der Tat immer mehr zu, denn die Zahl der Menschen mit Angststörungen steigt zunehmend. Seit 2010 gab es einen stetigen Anstieg, mit der stärksten Zunahme in Pandemie-Jahren. Frauen liegen konsistent etwa 4–5 Punkte höher als Männer; die höchsten Werte sind bei Kindern und 18- bis 29-Jährigen zu finden. Das RKI bestätigt in der Zeit von 2010 bis 2023 einen Anstieg von 9,8 auf 13,1 Prozent. Laut der Hochfrequenten Mental-Health-Surveillance des RKI von 2021 wurde im März 2024 ein Allzeithoch von 15 Prozent erreicht. Die Copsy-Studie zeigte während der Pandemie 2022 sogar einen Anstieg auf 24,1 Prozent.
Das heißt, wir haben immer mehr Angst. Wenn nun ein zunehmender Teil der Bevölkerung mit Ängsten zu kämpfen hat, ist es sehr sinnvoll, einen differenzierten Blick auf diese zu werfen. Und das tut Riemann in seinem Buch „Grundformen der Angst“, in dem er die grundlegenden Ausprägungen von Angst beschreibt.
Fritz Riemann war ein deutscher Psychoanalytiker und Psychotherapeut, der vor allem durch sein Buch bekannt wurde, das längst zum Klassiker geworden ist. Bis heute wird es in Psychologie, Psychotherapie und auch von Lesern ohne spezifische Fachkenntnisse viel gelesen und zitiert. Riemann plädierte für eine verstehende, ressourcenorientierte Sicht auf Menschen – weniger pathologisierend, mehr entwicklungsorientiert. Ganz so, wie es die systemische Methode auch tut.
Riemanns These besagt im Kern Folgendes:
- Nähe versus Autonomie (Unabhängigkeit)
- Dauer (Beständigkeit) versus Veränderung
Nähe versus Autonomie: Riemann beschreibt dies als den Konflikt zwischen der Angst vor der Selbsthingabe (und damit dem Ich-Verlust) und der Angst vor der Individuation (und damit der Isolation).
Dauer versus Veränderung: Dies entspricht dem Konflikt zwischen der Angst vor der Vergänglichkeit (und dem Tod) und der Angst vor der Notwendigkeit und dem Wandel (und damit dem Unbekannten).
Auf diesen Achsen bewegen wir uns einerseits ständig hin und her. Gleichzeitig haben wir eine Grundtendenz. Beispielsweise gibt es Personen, denen Autonomie wichtiger ist als Nähe, auch wenn sie sich situationsabhängig in Richtung Nähe bewegen können. Und umgekehrt.
Aus jeder Grundangst entstehen typische Persönlichkeitsstile im Sinne von Tendenzen (es geht nicht um starre Schubladen). Wer reif handelt, der balanciert die jeweiligen Pole gut aus.
4 Ausprägungen von Angst
In seinem Buch beschreibt Riemann nun vier grundlegende Ausprägungen von Angst, oder auch “Angsttypen”, die er mit existenziellen Grundkonflikten verknüpft. Diese sind:
Riemann versteht diese „Grundformen“ nicht als starre Schubladen, sondern als Pole, zwischen denen sich Persönlichkeiten bewegen. Es ist wichtig zu verstehen, dass alle Menschen Anteile aller vier Angsttypen in sich vereinen. Das ist folglich normal. Außer Balance gerät der Mensch nur dann, wenn eine Form davon stark überbetont ist (was dazu führen kann, dass der Gegenpol bekämpft wird). Dabei bleibt zu beachten, dass jede Person eine Tendenz in Richtung einer der 4 Typen hat, die stärker ausgeprägt sein kann als die anderen drei, ohne dass dies als pathologisch (krankhaft) gilt.
Der Weg zur Balance
Wer sich mit den vier Grundformen der Angst nach Riemann und den dazugehörigen Persönlichkeitstypen beschäftigt, erfährt viel über sich selbst und andere. Vor allem wenn wir beginnen zu begreifen, dass “anders” nicht besser oder schlechter ist, sondern eben nur „anders”, ist Riemanns Buch ein wunderbarer Guide, um die eigenen und die Ängste anderer besser zu verstehen. Er bietet uns viele Einblicke, wie sich die Dynamik zwischen Menschen mit unterschiedlichen Angstausprägungen entwickeln kann, und bietet mögliche Wege zu einer neuen Balance.
Ein Beispiel:
Angenommen, du stellst fest, du bist ein „depressiver Angsttyp“ und dein Partner:in ist ein „schizoider Angsttyp“. Dann wird die von letzterem angestrebte Distanz weniger bedrohlich und persönlich, weil du begreifen kannst, dass eure Bedürfnisse entgegengesetzt sind. Die Chance besteht beispielsweise darin, dass du erkennen kannst, dass der „schizoide Angsttyp“ nicht weg von dir, sondern hin zu sich selbst strebt. Und das kann in deiner Wahrnehmung des Handelns des anderen doch einen enormen Unterschied machen.
Durch ein neues Verständnis der Ängste, werden wir ermutigt, unseren Mitmenschen so anzunehmen, wie er ist, anstatt sein Verhalten auf uns zu beziehen. Dadurch gelingt es eher, der Versuchung emotionaler Verwicklungen zu widerstehen, und es kommt zu weniger Konflikten oder emotionalen „Dramen“.
Auch gegenüber unserer eigenen Veranlagung können wir verständnisvoller und gnädiger werden und lernen, sie zu verteidigen und zu unseren Neigungen zu stehen. Und wer seine dominante Grundangst erkennt, kann gezielt den Gegenpol kultivieren und sich damit persönlich weiterentwickeln.
Ein Verständnis für das „Anders-Sein“ (versus besser oder schlechter) trägt schlussendlich viel dazu bei, dass die Vielfalt in Menschen unterstützt und gefördert wird und wir das große Potenzial darin erkennen und nutzen können, anstatt den anderen so machen zu wollen, wie wir selbst sind.
Praktische Tipps
Hier biete ich dir Ideen, wie Wege zur Balance je Angsttyp aussehen können, als kleine Inspiration eines neuen Umgangs aus Erkenntnis:
Das Ziel einer positiven Entwicklung nach Riemann ist es nicht, die Angst „wegzumachen“, sondern reifer zu werden. Das bedeutet, mehr Freiheit zu erlangen, beide Pole zu halten. Praktisch formuliert heißt das, du entwickelst die Fähigkeit, zwei scheinbar gegensätzliche Tendenzen gleichzeitig in dir zuzulassen und bewusst auszubalancieren – statt dich starr auf eine Seite zu schlagen oder die andere zu bekämpfen.
Und durch Selbstmitgefühl kannst du erkennen, dass die Angst als Signal dient, nicht als Makel. Deine Beziehungen kannst du dadurch stärken, dass du offene Kommunikation über Bedürfnisse und Grenzen anstrebst.
Um noch ein praktisches Beispiel der von Riemann geförderten Reife zu geben:
Balance bezüglich Nähe und Distanz:
Aus einer reifen Position heraus kannst du dich auf Beziehungen einlassen (Nähe), ohne dich zu verlieren; und du kannst Grenzen wahren (Distanz), ohne zu vereinsamen. Beispielsweise sagst du: „Ich brauche heute Abend Zeit für mich“ und bleibst gleichzeitig emotional erreichbar.
Mein persönliches Fazit
Ich liebe „Grundformen der Angst” und habe es mehrfach gelesen. Vermutlich nicht zum letzten Mal.🤩 Riemanns Buch bietet eine Landkarte menschlicher Ängste. Jeder von uns hat alle vier Tendenzen – meist aber mit einem Schwerpunkt. Indem wir die innere Logik hinter unseren Reaktionen erkennen, verlieren sie ihren Schrecken. Und genau da beginnt Entwicklung: Schritt für Schritt mehr Balance zwischen Nähe und Autonomie, zwischen Beständigkeit und Veränderung praktizieren auf dem Weg zu mehr Reife. Tu dir etwas Gutes und lies dieses Buch. #weildueswertbist
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