Was ist ein Virus

Zwei Eierköpfe mit Masken als Symbol für das Virus

Wissenschaftliche Einblicke in die faszinierende Welt der Viren und wie wir mit ihnen interagieren und symbiotisch leben.

In den letzten Jahren hatten wir alle zwangsläufig sehr viel mit Viren zu tun, und diese wurden dadurch in den Fokus unserer Betrachtungen gerückt. Um Viren und unsere Interaktion mit ihnen zu verstehen, ist es aber notwendig und sinnvoll, sich damit zu beschäftigen, was ein Virus ist, was er in uns bewirkt und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse es über Viren gibt.

Was ist ein Virus?

Der Begriff Virus ist lateinischen Ursprungs und bedeutet so viel wie „Schleim, Saft oder Gift“. Ein Virus gilt nach den biologischen Definitionen als nicht lebendig, da es keinen eigenen Stoffwechsel hat und für seine Vermehrung auf eine Wirtszelle angewiesen ist. In diese Wirtszelle dringt das Virus ein und programmiert die Zelle um, damit diese in Folge Viren produziert. Es bedient sich also unseres Körpers, um sich selbst am Leben zu erhalten und zu vermehren.

Wenn man von den drei wichtigsten Grundbegriffen der Naturwissenschaften – Energie, Materie und Information – ausgeht, ist ein Virus also bildlich gesprochen vor allem Information*. Das ist wie ich meine erstaunlich, denn so ziemlich jeder weiß, was ein Virus im Körper alles auslösen kann, obwohl es sich im Grunde genommen nur um ein Stück verpackte Erbinformation handelt. Denn ein Virus besteht nur aus Nukleinsäure (entweder RNA oder DNA ), und einer Hülle aus Proteinen (Eiweißen), die es ihm ermöglichen, in eine andere Zelle einzudringen. Mehr ist da nicht. 

*Zwar gibt es bislang keine anerkannte einheitliche Theorie der Information, aber unterschiedliche Modelle. Nach dem Informationsmodell der Informatik z.B. entsteht Information durch Übertragung von Materie (mikroskopisch und makroskopisch), von Energie oder von Impulsen. Und ihre Eigenschaft, Veränderungen im empfangenden System hervorzurufen, ist prägend. Das passt sehr gut auf einen Virus. 

Arten und Anzahl von Viren

Zunächst ist hervorzuheben, dass Viren die häufigsten biologischen Daseinsformen auf unserem Planeten sind. Sie kommen zehnmal häufiger vor als zelluläre Lebensformen, können alle zellulären Organismen infizieren und nehmen eine Schlüsselpostion für das angeborene Immunsystem ein, das für zelluläre Lebensformen überlebenswichtig ist. 

Ihre Häufigkeit rührt daher, dass alle Organismen der Biosphäre mehr oder weniger von Viren durchsetzt sind. Wie viele Virenarten gibt es überhaupt? Bis vor 20 Jahren gingen die Schätzungen noch von 9000 verschiedenen Virenspezies auf Erden aus, heute haben wir im Grunde aufgehört zu zählen.

In jedem Milliliter Meerwasser sind 10 Millionen Viren enthalten, eine Studie aus dem Jahr 2000, publiziert in „Nature“ etwa geht von vier Quintillionen Viren im Meer aus – eine Zahl mit 30 Nullen. Und Curtis Suttle von der University of British Columbia und sein Team beschreiben im „International Society for Microbial Ecology Journal“, dass auch die Luft voll davon ist. Innerhalb der atmosphärischen Grenzschicht (die untersten 1,5 bis 2 Kilometer der Atmosphäre) „regnen“ pro Tag und Quadratmeter 800 Millionen Viren herab. Die Viren sind die ältesten Bausteine des Lebens. 

Man darf sich Viren dabei nicht als stabile Organismen, wie z.B. Insekten oder Vögel vorstellen. Sie haben ein millionenfach höheres Evolutionstempo, d.h. sie verändern sich ständig, worauf ihre enorme Vielfalt mit immer wieder neuen Gen-Strukturen begründet ist. 

Man unterscheidet RNA- und DNA-Viren. Wir haben ja bereits festgestellt, dass Viren nicht zu den Lebewesen gezählt werden. Dennoch können sie ihre Vervielfältigung steuern und besitzen die Fähigkeit zur Weiterentwicklung, die in den Mutationen Ausdruck findet. 

Überlebensstrategie Mutation

Jeder Virus mutiert. Ständig. Warum tut er das? Ganz einfach – um zu überleben und seine Art zu erhalten. Die Mutationen eines Virus sind nicht nur seine Art sich weiterzuentwickeln, sondern auch ein eingebauter Schutzmechanismus (es gibt noch andere Ursachen).

Zu diesem Zweck verändert das Virus ständig seine Oberflächenstruktur (wie z.B. das Spike-Protein des SARS-CoV-2 Virus), um den Antikörpern, die durch die Aktivierung des Immunsystems gebildet werden, zu entkommen. Denn die Antikörper können an das Virus andocken, um es zu markieren, damit der Körper es im Anschluss unschädlich machen kann. Viren mit unterschiedlichen, d.h. mutierten Oberflächenstrukturen bilden dann die sogenannten Varianten.

Wenn das Virus die Oberflächenstruktur ändert, passen die existenten Antikörper nach dem üblichen Schlüssel-Schloss-System des Immunsystems nicht mehr, und der Körper muss erst wieder neue Antikörper produzieren. Während dieser Phase der Virenerkennung und Antikörperproduktion kann sich das Virus dann ungestört vermehren.

Es ist wichtig zu verstehen, dass dieser Mechanismus der Mutation jedem Virus innewohnt und nicht überwunden oder beseitigt werden kann. So wurden zum Beispiel in der Münchener Viren-Datenbank GISAID (Global Initiative on Sharing All Influenza Data) etwa 4000 Mutanten des SARS-CoV-2-Virus erfasst und hinterlegt, von Dezember 2019 bis Dezember 2020 (erstes Pandemie-Jahr). Die wirkliche Zahl liegt natürlich weit höher, denn es wurden ja nicht alle Coronaviren bei jedem positiv Getesteten untersucht bzw. sequenziert. Von den SARS-Viren insgesamt wurden seit 2002 bei der GISAID-Datenbank 13 Millionen Mutanten erfasst. 

Das bedeutet, dass für jede dieser Virus Mutanten ein eigenes Set an Antikörpern benötigt würde, um das jeweilige Virus im Körper zu beseitigen. Das macht es auch so schwierig, wirksame Impfungen gegen Viren zu entwickeln, denn mit der Weiterentwicklung bzw. Mutation des Virus wird diese sehr schnell unwirksam oder viel weniger effektiv. Geschweige denn, dass nur der kleinste Teil der Virus-Varianten je Impfstoff adressiert wird.

Viren als Teil des Menschen

1940 wurden Viren mittels Elektronenmikroskopie zum ersten Mal sichtbar gemacht. Wobei der Ursprung der Viren nach wie vor unbekannt ist. Es gibt also noch sehr vieles, was wir über Viren nicht wissen. 

Hoch interessant ist jedoch, was im Jahr 2000 über Viren herausgefunden wurde. Im Rahmen des Humangenomprojektes gelang es nämlich, die Sequenz des humanen Genoms (d.h. des menschlichen Erbgutes) zu entschlüsseln. Dabei entdeckte man, dass ein großer Teil des menschlichen Genoms aus viraler DNA besteht. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um sogenannte Retroviren. Die Theorie besagt, dass diese die Vorfahren der Menschen infizierten und dabei ihr Erbgut in das Genom des Wirts, d.h. des Menschen eingebaut haben. Damit wurden die Viren ein Teil des Menschen.

Viele Retroviren sind inaktiv, manche sind aber auch an der Entwicklung und Regulation wichtiger Organe wie z.B. der Plazenta beteiligt, und haben eine nutzbringende Funktion. Das bedeutet, der Wirt Mensch hat sich mit dem „Parasit“ Virus arrangiert und bildet zumindest teilweise eine Symbiose mit ihm. Unerwartet, nicht wahr? Noch krasser ausgedrückt scheinen neueste Studien mehr und mehr darauf hinzuweisen, dass wir ohne Viren nicht überlebensfähig sind.  

Welche Funktion haben Viren? 

Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass neben zahlreichen anderen Faktoren die Viren hauptsächlich an der Regulation der Populationsdynamik der Mikroorganismen beteiligt sind. Das heißt, dass Viren Einfluss haben auf die sogenannte Homöostase, also ein gesundes Gleichgewicht, auch als Milieustabilität bezeichnet, auf der die Gesundheit von Ökosystemen beruht. Mit Blick auf das Mikrobiom bedeutet dies, dass tausende unterschiedliche Mikroben-Arten und deren proportionale Verteilung (neben anderen Faktoren) offenbar über die Viren reguliert werden.

Das Virom als Teil des Mikrobioms 

Die Tatsache, dass viele Viren im Körper natürlich vorkommen, und damit Teil von uns sind, ist schon lange bekannt. Das Virom bezeichnet nämlich die Gesamtheit der Viren, die uns besiedeln und gilt als ein Bestandteil des Mikrobioms. 

Im Mikrobiom unseres Darms siedeln Billionen Bakterien, Viren, Pilze, Archaeen und Protozoen, weit mehr als es Zellen in unserem Körper gibt. Die meisten der Mikroben sind harmlos, bzw. sogar für unsere Gesundheit unerlässlich.  Die Viren sind dabei die zahlenmäßig häufigsten Vertreter. Sie sind quasi überall vorhanden und kommen im Durchschnitt etwa 10 Mal häufiger vor als Bakterien. 

Auf der Basis der Mikrobiom Forschung (es gibt weit über 20.000 Studien) weiß man zwischenzeitlich auch, dass Krankheiten immer mit einer Verarmung oder Reduzierung der mikrobiellen Besiedelung einhergehen. Die Vielfalt schwindet und so wie bei Monokulturen in der Landwirtschaft entsteht dadurch der Trend zu Erkrankungen mit steigender Virulenz. 

Ebenso geht man davon aus, dass jede Störung der Kommunikation zwischen dem Wirtsorganismus (Mensch) und den Bakterien bzw. Viren des Mikrobioms für den rapiden Anstieg vieler komplexer, größtenteils chronisch entzündlicher Erkrankungen verantwortlich sind. 

Und das dysbiotische (fehlbesiedelte) Virom gilt als potenzieller Auslöser von Autoimmunerkrankungen (wohlgemerkt nicht das Virus an sich, sondern eine Fehlbesiedelung).  So waren z.B. 2021 in einer Studie von Liang und Bushman Veränderungen in Viruspopulationen mit der Entwicklung vom pädiatrischen (kindlichen) Typ-1-Diabetes verbunden. Was aber löst eine Dysbiose (Fehlbesiedelung) aus? Das wissen wir nicht. 

Es ist auch erwiesen, dass eine große Biodiversität (Artenvielfalt) der Mikroben des Mikrobioms gleichzusetzen ist mit einer robusteren Gesundheit und größeren Widerstandskraft, also auch eines stärkeren Immunsystems.  

Also kurz gefasst kann man sagen: 

Gesundheit = große Artenvielfalt im Mikrobiom
Krankheit = Artenreduktion und Abnahme der Bakterien und Viren des Mikrobioms

Darüber hinaus ergab bei einer 2021 publizierten Studie die Mikrobiom-Analyse von über 9000 Personen im Alter zwischen 18 und 101 Jahren, dass die Menschen am gesündesten waren und die höhere Lebenserwartung hatten, deren Darmflora sich über die Jahre am stärksten gewandelt bzw. individualisiert hatte. 

Zusammensetzung des Viroms

Die genaue Zusammensetzung des Mikrobioms bzw. Viroms kennt die Wissenschaft bisher nur zum Teil. Das zeigt u.a. eine 2021 Studie von Camarillo-Guerrero et al. Team. Die Wissenschaftler identifizierten über 140.000 unterschiedliche Viren aus mehr als 28 000 Metagenom Studien. Über die Hälfte dieser Viren waren noch unbekannt.

Oder Mukhopadhya et al wiesen 2019 nach, dass ein Gramm Darminhalt ca. 108 bis 1010 Milliarden Viruspartikel beinhalten. Auch wenn diese Zahlen je nach Studie stark schwanken, wird angenommen, dass sich im Stuhl in etwa gleich viele Viren wie Bakterien befinden. Im Darminneren ist der Anteil der Viren sogar noch viel höher. 

Funktion der Viren im Darm

Der überwiegende Teil der Viren im Mikrobiom des Darms gehört zu der Gruppe der Bakteriophagen. Das sind von Viren befallene Bakterien, die dadurch ausgeschalten, und deren Fortpflanzung bzw. Anzahl in Schach gehalten werden. Sie wirken also sozusagen wie ein natürliches Antibiotikum. Und das bedeutet, wir brauchen die Bakteriophagen in unserem Darm, um eine gesunde Darmflora zu erhalten und Fehlbesiedelungen zu verhindern. Wie viele es dieser Bakteriophagen, also besonderer Viren gibt, ist bisher weitestgehend unbekannt. 

Viren als Helfer des Immunsystems

Beachtlich sind auch wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass das Virom einen wesentlichen Teil der Darmbarriere, d.h. der Darmschleimhaut zur Abwehr pathogener (krankheitserregender) Keime bildet. 

Diese Schleimhaut wird aus Epithelzellen gebildet, auf der sich wiederum eine Schleimschicht (Mukus) befindet, die die Epithelzellen schützt. Und diese Schleimschicht beherbergt eine spezifische und vielfältige Gemeinschaft von Viren, die als BAM bezeichnet werden (= bacteriophages adherent to mucus. Übersetzt: Bakteriophagen, die dem Schleim anhaften). Die Rolle dieser speziellen Bakteriophagen bei der örtlichen Abwehr pathogener (krankheitserregender) Darmbakterien ist so bedeutsam, dass BAM sogar als separate (nicht-eigene) Immunbarriere betrachtet wird.

Ebenso wurde in Mausstudien beobachtet, dass Viren zur Funktion des Darm-Immunsystems beitragen. Mäuse, die in keimfreier Umgebung gezüchtet wurden, d.h. kein bakterielles Mikrobiom besaßen, litten unter schwerwiegender Immunschwäche. Eine chronische virale Infektion dieser Mäuse mit Noroviren (die Durchfallerkrankungen verursachen können), brachte die geschädigte Darmwand zur Abheilung und konnte den Normalzustand des Darm-Immunsystems wiederherstellen.

Man geht daher heute davon aus, dass Krankheitsentstehung weniger von einzelnen Viren oder Bakterien ausgeht, sondern von ihrer Zusammensetzung im Sinne eines außer Balance geratenen Systems. 

Individualität des Viroms 

Damit nicht genug. Es ist sogar erwiesen, dass das Virom eines jeden Menschen nahezu einzigartig ist, und es lange weitestgehend konstant bleibt. Mukhopadhya et al wiesen dies 2019 an einem Probanden nach, dessen Virom im Darm über zweieinhalb Jahre beobachtet und analysiert wurde. 80 Prozent der viralen Sequenzen blieben unverändert. 

Bei Menschen, die im selben Haushalt leben, passt sich das Virom sogar aneinander an, indem sich ein Teil der Bakteriophagen untereinander austauscht.

Kommunikation von RNA Viren 

Eine Abhandlung von Luis P. Villarreal und Guenther Witzany geht noch weiter. Sie sagen, dass RNA (Ribonukleinsäuren) Zellen, Gewebe, Organe und Organismen regulieren und koordinieren. Das heißt. sie spielen eine Rolle in der Kommunikation. Das bedeutet,  RNAs „sprechen“ miteinander, um ihr Verhalten miteinander abzustimmen. 

Villarreal und Witzany behaupten sogar, dass es ohne sozial interagierende RNAs keine effektive (code-basierte) Kommunikation und keine Evolution von Viren oder zellulärem Leben gibt. Viren zeichnen sich laut Villarreal und Witzany durch die Fähigkeit aus, genetischen Inhalt zu modulieren, und durch eine ständige evolutionäre Anpassungsfähigkeit. Das bedeutet, sie stellen Umweltfaktoren (biotische, d.h. aufs Leben bezogene Identitäten) dar, die den (genetischen) Code verändern. 

Sie können zusammenarbeiten, Gemeinschaften bilden, nukleotide Sequenzen neu erzeugen und sie in den genetischen Inhalt des Wirts einfügen bzw. daraus entfernen (ohne das genetische Gut des Wirts zu schädigen). Villarreal und Witzany sagen in der Tat, dass keine andere Entität solch eine weitreichende Kapazität hat, (genetischen) Code abzuändern oder zu schaffen.  

Das ist wirklich eine gewaltige Aussage, und gibt uns Einblicke, wie wichtig Viren für unser Leben zu sein scheinen, obwohl sie in den Medien und Horrornachrichten der letzten Jahre doch vor allem als feindlich dargestellt wurden.

Sind Viren unsere Feinde?  

Einerseits ist die in der Allgemeinmedizin gängige Theorie, dass Viren Krankheitserreger sind, die Erkrankungen in uns verursachen, wenn sie gleichzeitig in großer Menge vorkommen. Sie geht auf Robert Koch zurück. Demnach ist der Beweis für die mikrobielle Ursache einer Infektionserkrankung dann erbracht, wenn sich durch die Isolation und Züchtung einzelner Viren und Bakterien und deren Eintritt in den Körper spezifische Krankheits-Symptome auslösen lassen. Die Sicht, dass Viren bekämpft werden müssen, Krankheit verursachen und damit „Feinde“ der Gesundheit sind, ist folglich weit verbreitet.

Diese Theorie ist allerdings mit den modernen, systembiologischen, wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 10 bis 15 Jahre eindeutig nicht mehr vereinbar. Das heißt, wir hängen einem überholten, monokausalen Erklärungsmodell nach, das nicht mehr wissenschaftlich begründet ist und den lebendigen Systemen ökologischer Gemeinschaften in der Natur nicht gerecht wird. 

In der Natur kommen keine viralen oder bakteriellen Isolate vor, sondern sie existieren grundsätzlich nur in ökologischen Gemeinschaften, die einander beeinflussen. Das heißt, allein schon die Betrachtung des Virus in Isolation ist ein nicht einfach nachvollziehbarer Denkansatz.

Auch das Mikrobiom und das Immunsystem entsprechen lebendig dynamischen Netzwerken und funktionieren nicht nach einem monokausalen Ursache-Wirkprinzip.

Ebenso funktioniert unser Körper in Regelkreisläufen, die sich ständig flexibel anpassen und ändern und in Wechselwirkung mit Organen, Geweben, Zellen etc. stehen. Nichts im Körper arbeitet losgelöst von seiner Umgebung. Schon allein aufgrund dessen ist es eine seltsame Vorstellung, ein Virus als Alleinstellungsmerkmal für Erkrankungen verantwortlich machen zu wollen.

Kochs Theorie kann auch nicht begründen, dass es eine sogenannte „Durchseuchung“ von Menschen mit vielen Viren gibt. So geht man zum Beispiel davon aus, dass über 95 Prozent der Bevölkerung das Herpes-Simplex-Virus natürlicherweise in sich trägt. Dennoch kommt es nur bei einem viel geringeren Teil der durchseuchten Bevölkerung zu einem Krankheitsausbruch, und dieser tritt i.d.R. unter erhöhtem Stress auf. Und verschiedene Herpesviren können auch vor anderen Infektionen schützen (z.B. HIV), oder das Immunsystem günstig stimulieren, sodass wir vor verschiedenen Krankheiten geschützt sind. Und dies ist nur eines von vielen Beispielen an wissenschaftlichen Hinweisen, dass vermeintlich pathogene (krankheitserregende) Viren auch positive Eigenschaften haben. 

Denkansätze

Diese Erkenntnisse weisen wiederum darauf hin, dass Viren in vielen Fällen mehr Freund als Feind sind. Oder auch, dass die Frage, ob Viren Freund oder Feind sind, vermutlich keine zielführende Frage ist, sich nicht beantworten lässt und wir daher auch nicht in solchen Schwarz-Weiß Kategorien denken sollten. (Das lässt sich übrigens auch auf Menschen übertragen, die wir bestenfalls auch nicht in Kategorien von Freund oder Feind einteilen sollten, sondern besser in Ihrem So-Sein akzeptieren und tolerieren sollten. Aber das ist eine andere Geschichte….)

Andere Theorien 

Abweichende Theorien zu Viren sind auch nicht neu. So gab es bereits einen berühmten Grundkonflikt zwischen Louis Pasteur und Antoine Béchamp in der medizinischen Geschichte. Während Pasteur die These vertrat, dass Krankheiten durch Erreger verursacht werden, vertrat Béchamp die These, dass Keime (wie Bakterien und Viren) nicht feindlich sind, sondern die Voraussetzung allen Lebens seien. Er vertrat die Ansicht, dass Keime bei beschädigtem Gewebe auftraten und nicht die Ursache, sondern vielmehr nur ein Symptom von Krankheit sind. Sobald die Keime ihre Arbeit im Heilungsprozess getan haben, wandelten sie sich zur gesunden Körperzelle zurück. Er soll in Folge den Ausspruch „Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles“ geprägt haben. 

Wer mehr darüber lesen will, kann gerne das folgende Buch studieren: 

Volker Schmiedel „Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles“. 

Fazit 

Die wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten 15 bis 20 Jahre haben in einem zuvor unvorstellbaren Ausmaß die Besiedelung des Menschen mit Billionen von Viren und Bakterien deutlich gemacht. Wir halten also fest, dass Viren ein natürlicher Bestandteil unseres Körpers und Lebens sind. Vielmehr noch scheinen wir ohne sie nicht überlebensfähig zu sein. 

Die Vielfalt und komplexen genetischen und metabolischen Wechselwirkungen mit unserem Organismus rufen nach einem Paradigmenwechsel unseres bisherigen Bildes von “Krankheitserregern” und wir sollten unsere Vorstellungen anhand der wissenschaftlichen Ergebnisse hinterfragen und anpassen. 

Die monokausale Logik: ein Erreger – eine Krankheit – eine Therapie reicht für ein umfassendes Verständnis von Infektionsgeschehen nicht mehr aus und bedarf einer systembiologischen Neuorientierung und eines wissenschaftlichen Updates.

Viele Eigenschaften, Funktionen und Wechselwirkungen der Viren haben wir bisher nur bruchstückhaft ergründet und weitere Untersuchungen müssen existente Theorien noch erweitern und ergänzen. 

Darüber hinaus könnten wir uns die ernsthafte Frage stellen, welche Auswirkungen unser „Feindbild“ der Viren und die mediale Fokussierung dieser Sicht hat – auf uns und eventuell auch auf die Viren.

Die Konsequenzen, die dieses Feindbild auf uns hat kennen wir zumindest teilweise: zunehmende Ängste, gesteigerte Hygienemaßnahmen (die der Diversität des Mikrobioms schaden), Isolation, Misstrauen gegenüber Menschen als potenziellen „Krankheitsüberträgern“ u.a. Sie schlagen sich mit nieder in den massiven Anstiegen psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen.

Auf der Basis der Prämisse, dass Geist Materie schafft (und nicht umgekehrt!) und unsere geistige Haltung damit einen enormen Einfluss auf die Materialisierung des Geschehens hat, wäre eine Einflussnahme auf die Viren auch nicht vollständig auszuschließen. 

Welche Auswirkungen könnte es in Folge auf einer geistigen Ebene haben, wenn wir Viren ausschließlich als Feinde betrachten, obwohl sie uns doch in vielerlei Hinsicht auch wohlgesinnt zu sein scheinen? Inwieweit könnte unsere Betrachtungsweise die Viren feindlicher machen als sie sind? Inwieweit könnten wir an der Materialisierung von Ängsten beteiligt sein, die wir auf die Viren projizieren? 

Mit Ungewissheit (und in Demut) leben

So wie es häufig in der Wissenschaft ist, gibt es also widersprüchliche Theorien, auch wenn sich eine davon am meisten in der Gesellschaft etabliert hat. Es ist vermutlich auch nicht ungewöhnlich, dass man auf einmal angenommenen Theorien verharrt, selbst wenn die Wissenschaft bereits viele Nachweise geliefert hat, dass diese nicht mehr zeitgemäß sind und neuen Erkenntnissen widerspricht. 

In den letzten Jahren wurde sowohl über das Mikrobiom als auch das Virom viel geforscht, wodurch sich unser Wissen ausweitet. Dennoch kann man sagen, dass unser Wissen über die Rolle des Viroms in Bezug auf die menschliche Gesundheit noch immer gering ist. 

Vielleicht finden wir in der Zukunft heraus, dass selbst die neuesten Erkenntnisse der Forschung nicht vollständig die Wahrheit aufzeigen können, oder wiederum eine uns bisher völlig unbekannte Theorie ins Rampenlicht drängt. Es bleibt spannend…. 

Auf dem Weg dahin, dürfen wir vielleicht auch die Chance ergreifen, Demut neu zu lernen und einzusehen, was bereits Sokrates sagte „ich weiß, dass ich nichts weiß“.  Wer nichts weiß, beharrt auch nicht auf seiner Meinung, sondern lernt die Welt in staunendem Bewundern zu erforschen. #sogehtgesund 

Quellen:

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